Fotoarbeiten / Katalogtext
 
Der Schwerkraft enthoben, gefaltet, geflochten ...

„Der Begriff Architektur“, so schreibt es unsere neue digitalen Enzyklopädie Wikipedia, „ist nicht eindeutig zu definieren. Im weitesten Sinne bezeichnet er die Auseinandersetzung des Menschen mit gebautem Raum.“ Das Entwerfen und Fertigen von Bauwerken ist dabei nur einer seiner Inhalte. Architektur ist ebenso Raum- und Körpertheorie, Gedankenmodell, oder künstlerischer Reflex wie utopisches Gebilde. Auch ihre konkreten Bestandteile sind vor allem Speicher des Flüchtigen - so will es zumindest jene Strömung ästhetischer Architekturbetrachtung verstanden wissen, die bereits im 18. Jahrhundert in unterschiedlichen Versionen die Metapher von der „Architektur als gefrorene Musik“ kursieren lässt. In ihren Grundüberlegungen spielt diese Theorie nicht nur auf das enge Verhältnis der beiden Künste von Musik und Architektur an. Der mit Bezug auf Friedrich Schlegels Vorlesungen über Ästhetik 1803 erstmals schriftlich fixierte Gedanke, setzt einen physikalischen Aggregatzustand für die Beschreibung von Architektur ein, um deutlich zu machen, dass allem Gegenständlichen auch bewegliche, flexible, nicht statische Motive inne wohnen. Der Architekt Khaled Saleh Pascha hat sich in seiner 2004 erschienenen Publikation „Gefrorene Musik - Das Verhältnis von Architektur und Musik in der ästhetischen Theorie“ intensiv mit dieser Metapher beschäftigt, die - so Pascha - auf eine Jahrtausende alte Schöpfungsvorstellung zurückgreift. Nach deren Verständnis ist alles „Stofflichwerden der Welt“ aus dem Verstummen eines ursprünglichen Klanges hervorgegangen.

Die Serie von kleinformatigen Fotoarbeiten von Katja Butt, die seit Beginn der 2000er Jahre entsteht, spielt einerseits mit dem Motiv der „Verflüssigung“ und Neukomposition von vorgefundenen Architekturen, wie sich Butt auf die Tradition phantastischer Architektur bezieht. Die Metapher der gefrorenen Musik liegt deshalb so nahe, da Katja Butt auch in vielen ihrer Videoarbeiten musikalische Prinzipien als konstruktive Gestaltungselemente integriert, und man sich bei ihren Fotoarbeiten an die Idee der Etüde und deren mit Leichtigkeit vorgetragenem Variationenspiel erinnert fühlt.

In ihren Fotoarbeiten bezieht Katja Butt Architektur unmittelbar auf sich und geht der Frage nach, was Architektur für sie bedeutet. Das Sammeln des Materials für ihre filigranen Fotoarbeiten geschieht während ihrer Spaziergänge durch die Stadt. Mit einer digitalen Kleinbildkamera fotografiert Butt Gebäude und architektonische Ensembles. Aus diesen Aufnahmen, die sie von ihren Streifzügen mitbringt, werden architektonische Körper freigestellt, kristallisieren sich einzelne Motive heraus. Der Kontext der Architekturen wird gelöscht: Himmel, Bäume und Gardinen werden getilgt, Personen, Schilder und Beschriftungen entfernt, um das Objekt zu klären, bis sie schließlich an das Element gelangt, mit dem experimentiert wird. In der Umformung und Weiterbearbeitung dieser Elemente reizt Butt die Möglichkeiten architektonischer Prinzipien aus, und untersucht, wie weit sich das Spiel treiben lässt, um in ihm neue Objekte herzustellen. So formt Butt einzelne Fensterzüge zu Musterbändern um, spaltet Fassaden auf und verschachtelt sie neu im Raum, oder lässt aus einer Kirchturmspitze einen mit Schindeln beschuppten Stern entstehen. Entrückt aus jeglichem alltäglichen Kontext werden die Architekturen aus ihrer Achse gehoben, verdoppelt, kombiniert, gefaltet, ineinander geflochten, oder durch den Raum gewunden, geschichtet und gedehnt. Die Titel der einzelnen Fotoarbeiten bleiben ein Verweis auf den realen Ort, für den sie zum spielerischen Gegenentwurf werden. Die ursprünglichen Farben werden in der Bearbeitung nicht geändert. Es ist Butt wichtig, dass klare architektonische Formen bestehen bleiben und ihre Motive nie zu abstrakt werden. Ihre Bearbeitungen sind keine Dekonstruktion, sondern neue Formfindungen, die sich aus ihren eigenen Bestandteilen unvorhersehbar entwickeln lassen. Auch wenn sie zweidimensional formuliert sind, so setzen diese Fotoarbeiten ihre plastischen Ideen wiederum als körperhaftes Potenzial in den Raum ein. Der Bildgrund, vor dem diese neuen Objekte schweben, ist grau. In diesem hellgrauen, neutralen Raum existieren Butts Architekturen frei. In ihrer Ausstellungspräsentation, gefasst hinter Passepartouts in hellen Rahmen und in diesen Rahmen wiederum zu vierseitigen Würfelformen aufgebaut, die auf hölzernen Sockeln stehen, erinnern die Fotoarbeiten an Architekturmodelle. In ihrem Modellcharakter haben diese virtuell vorgestellten Objekte ohne Schatten und spezifisches Licht eine klar gedankliche Qualität.

Im Verhältnis zu den Videoarbeiten von Katja Butt zeigen sich ihre Fotoarbeiten als experimentelles Feld, in dem sich die Grammatik von Raum und Formprinzipien in unabhängiger Weise und spielerischer ausreizen lassen. Mit größerer Leichtigkeit und Schnelligkeit lässt sich auf das Grundmotiv reagieren. Während sie sich in ihren Videoinstallationen, für die Werke wie „Notation“ (2000) oder „Träger“ (2003) beispielhaft sind, einer auf das Medium Video übertragenen strengen Sight-Specificity verpflichtet, in der der spezifische Raum und dessen architektonische Situation sichtbar gemacht werden, befreit sich Katja Butt in ihren Fotoarbeiten selbst von dieser strengen Verpflichtung eines kontextuellen Bezuges und versteht die einzelnen fotografischen Entwürfe als „Zwischenspiel“ und auf die eigene Wahrnehmung bezogene künstlerische Antwort auf vorgegebene Architekturen. Was Butts Fotoarbeiten mit ihren Videoarbeiten verbindet, ist die Idee in der künstlerischen Intervention die stumme Architektur zum sprechen zu bringen, und diese mit dem Verständnis um Körper und Raum ins Bild zu setzen – im einen Fall in der Beziehung zum Ort, im anderen Fall im Entbunden-Sein von einem spezifischen Ortsbezug.

© Diana Ebster, München 2007