Fotoarbeiten / Anmerkungen
 
Anmerkungen zu den Photoarbeiten von Katja Butt

Den "Traum vom Raum" zu verwirklichen, ist ein jahrtausend altes Streben der Menschheit. Architektur - Hort der Geborgenheit, Ort der Kontemplation und des Privaten, Refugium oder Arbeitsstatt - ist Ausdruck des jeweiligen Lebensgefühls, sichtbares Zeugnis der Geschichte und stets Spiegel der Zeit.

Fokus der künstlerischen Auseinandersetzung von Katja Butt - Videokünstlerin, Zeichnerin und Photographin - ist das Faszinosum Architektur. Die artistischen Medien erlauben ihr eine Erkundung des Raumes, wobei Architektur am Wegrand, dem wörtlichen Sinne entsprechend, in eine "Bau-Kunst" erhoben wird und im Kunstraum eine neue Vision von Raum aufleuchten lässt.

Basis ihrer Photoarbeiten sind "Schnappschüsse" von Fassaden, Membranen und Gehäusen, beziehungsweise einzelner charakteristischer Bauelemente, die die Stadtlandschaften unserer Zivilisation prägen. In digitaler Bearbeitung bricht Katja Butt die massive Kompaktheit der Baukörper auf, löst das tektonisch-struktive Ordnungsgefüge und setzt quasi "eingefrorene" Zeit in Bewegung. In strenger Reduktion, in der Fragmentierung, im Aufklappen, Kippen, Drehen, rhythmischer Neuordnung im Wechsel von An-, Auf- und Untersicht entwirft sie innovativ plastische Raumgebilde voller Dynamik und visueller Klarheit. Die kristalline Facettierung, Vervielfältigung und Aneinanderreihung abstrakt geometrischer Formen evoziert nicht selten den Eindruck des Abspulens filmischer Bildsequenzen.

Die Genesis der räumlich in alle Richtungen expandierenden Architekturparaphrasen fordern das Auge des Betrachters auf, die Formationen kontinuierlich abzutasten und zu verfolgen. In diese räumliche Progression, im dynamisch-energetischen Wachstum bezieht die Künstlerin spannungsvoll die Zeit als Faktor ein. Durch planerische Exploration der Bauteile wird Räumlichkeit als Ereignis imaginiert. Ortlos, der Schwerkraft enthoben, vor grautonigem Hintergrund schwebend, erwachsen die Destillate zu dreidimensionalen skulpturalen Neuformulierungen voller Ästhetik, wohlgestalteter Harmonie und sublimer Schönheit. Jeglichen Funktionalismus enthoben, weisen die phantastischen, inszenierten Architekturgebilde über den Gegenstand hinaus; der Bildinhalt gewinnt metaphorischen Charakter. Das dezent nüchterne Farbklima, die ästhetisch stereometrische Formreduktion, variablen Mustern gleich, welche auch die urbanistische Strukturen menschlichen Zusammenlebens kennzeichnen und negieren, verströmen die Aura des Verlustes und der Leere. Das Spiel der Proportionen und die Taktung vertikaler und horizontaler Gliederungen vermögen auch die Erinnerung oder Ahnung des polyphonen Klanges städtischen Lebens wecken.

Pointiert mit kühler Eleganz, einem Demaskieren nach dem Finale gleich, entspannt Katja Butt mit den Versatzstücken der Mythologien des Alltags, einen spannenden Dialog von Geschichte, Gegenwart und Zukunft. In überzeugender Dramaturgie, in der Entfaltung des Fragmentarischen überführt sie visionäre Raumkonzepte in ihrer kalaidoskopischen Vielfalt zu sinnlicher und sinnhafter Einheit, die in ihrer Metaphorik Mikro- und Makrokosmos umschließend, Zeit und Raum reflexiv erfahrbar machen.

© Dr. Andrea Nisters xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxSpeyer, 2006