Installationen / Träger / Text
 

Einführung zur Ausstellungseröffnung "traeger" von Heidi Irmer
(Kaiser-Wilhelm-Museum, Krefeld)

Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich begrüße Sie ganz herzlich heute abend hier im Dortmunder Künstlerhaus anläßlich Katja Butts Ausstellungseröffnung. Die Künstlerin, die für viele von Ihnen keine Unbekannte mehr sein dürfte, zeigt unter dem Titel "traeger" aktuelle Zeichnungen und eine Rauminstallation, die sie eigens für die Räumlichkeiten, in denen wir uns gerade befinden, entworfen hat.

Die neun Zeichnungen auf Papier, die den Besucher empfangen, zeigen eindrucksvoll, welche Problemstellungen und Phänomene die Künstlerin faszinieren. Katja Butt, die ihre künstlerische Laufbahn als Bildhauerin begonnen hat und sich selber immer noch in dieser Tradition sieht, arbeitet in unterschiedlichster Form mit architektonischen Elementen. Ihre Zeichnungen zeigen einfache geometrische Formen, durch deren Anordnung feststehende Determinanten wie Schwere, Leichtigkeit, Bewegung, Halt, Statik und Balance in Frage gestellt werden. Die Architekturelemente, die entfernt an Stahlträger erinnern, scheinen auf den ersten Blick von einer mathematischen Logik, doch durch die vermeintlich leichteren, gestisch geschwungenen Kreiselemente werden sie einer Dynamik habhaft, denen ihre äußere Gestalt völlig widerspricht. Der gezeichnete Gegenstand erschöpft sich auf diese Weisen nicht in seiner Gestalt und Funktion, sondern beginnt vor unseren Augen zu fliegen und zu tanzen, wodurch ihn ein geheimnisvolles immaterielles Kräftefeld zu umgeben scheint. In letzter Konsequenz verzichtet Katja Butt auf die Rahmung der größeren Zeichnungen und bezieht so auch noch die natürliche Wölbung des Papiers mit ein.

Sie erreicht in ihren Arbeiten durch das Gegenüberstellen von starren technischen Formen und organisch labilen eine eigentümliche Verbindung der Gegensätze und dieser Spannungsmoment zwischen Kraft und Gegenkraft ist für den Betrachter beinahe körperlich spürbar. Die klassische konzeptionelle und ästhetische Frage nach der Vereinigung scheinbar unvereinbarer polarer Kräfte geht in ihrem Werk auf einer abstrakten Ebene dialektisch auf und eben diese Dialektik führt die Künstlerin in ihren Installationen konsequent ins Dreidimensionale.

Auch in der Installation "Träger", die Katja Butt eigens für das Dortmunder Künstlerhaus konzipiert hat und heute abend erstmals präsentiert, begegnen wir der Artikulation eines diametralen Kräfteverhältnisses in der Kombination unterschiedlicher Werkstoffe und Formen. Hierzu muß man wissen, daß die Künstlerin es sich zum Prinzip gemacht hat, ihre Objektarrangements in einen Dialog mit den sie umgebenden Räumlichkeiten treten zu lassen, was konkret bedeutet, daß sie sich von architektonischen Besonderheiten, wie in diesem Fall dem tragenden Deckenelement, inspirieren läßt.

Die eindringliche minimalistische Bildsprache der Zeichnungen findet sich auch in der Installation wieder. Die kastenartigen Monitore, getragen durch dünnes Stahlseil, das einem zeichnerischen Strich gleich entlang dem Deckenelement verläuft, wirken für sich genommen als Raumskulptur mit dem knappen Formenvokabular der Minimal Art. Doch während die Künstler, die dieser Kunstströmung in den 60er Jahren angehörten, Emotion, Metaphorik und Symbolik aus der Kunst verbannen wollten, führt Katja Butt die beiden Pole auf humorvolle Weise wieder zusammen.

Den architektonischen Begriff des Trägers hat sie in ihrer Arbeit auf einen zweiten Vorstellungsbereich ausgeweitet: Den menschlichen Wasserträger. Diese Architekturmetaphorik, wie sie uns im alltäglichen Sprachgebrauch oftmals begegnet, hat die Künstlerin in der für sie typischen akribischen Art auf formaler Ebene präzise umgesetzt. Die beiden Monitore zeigen den jeweils über sich befindlichen Raum von exakt dem gleichen Standpunkt aus, wo sie selber installiert sind. Diese Räume, bei denen es sich links um die Gästeküche und rechts um das Gästezimmer in An Seebachs Künstlerwohnung handelt, werden von diesem Punkt aus im Minutentakt in acht Sequenzen gezeigt. Der Betrachter kann auf diese Weise, ohne den Anschluß zu verlieren, den Blick einmal rundum werfen und sieht in diesem Moment, was das Deckenelement auf seinen Schultern trägt. Katja Butt hat hierbei aber nicht die Räume direkt auf genommen, sondern die Spiegelung der Wände im Wasser, wodurch der vermeintlich intime Einblick in eine fremde Wohnung sich in einer surrealen Bildsprache auflöst.

Die beiden Monitore, die sich mit ihrem Gewicht die Waage zu halten scheinen, verlieren hierbei ihren Charakter als Fenster zur Welt und werden statt dessen belegt mit ihrer Funktion als imaginäre Wasserbehälter.

Die statische Beschaffenheit der Architektur löst sich auf, mit jedem Tropfgeräusch rinnt ein weiterer Teil von ihr durch die Decke und bei den Bildwechseln wird die Wasseroberfläche, die in ihrer Beschaffenheit durch die Oberfläche des Monitors ersetzt wird, in Vibration versetzt. Durch diese pointierte Schnitt- und Tontechnik ist für den Betrachter die technische mediale Wirklichkeit beinahe nicht mehr zu trennen von der organischen gegenständlichen Welt. Wieder, wie schon bei den Zeichnungen, scheint sich etwas zu bewegen, was sich nach unserem Selbstverständnis nicht bewegen kann. Ein Raum wird zum Bild, ein Bild wird zum Tropfen und vor unseren Augen entsteht die Illusion einer flüssig gewordenen Architektur, die jegliche räumliche und zeitliche Dimension in Frage stellt.

Katja Butt gelingt es, aus einer statischen Raumarchitektur mit Hilfe ihrer Videoinstallation eine mediale sich bewegende Konstruktion zu schaffen. Draußen und drinnen, oben und unten, Gegenwart und Vergangenheit werden zu einer Einheit und geben dem Kunstwerk eine innere Geschlossenheit, die in ihrer Dichte der sprachlichen Metapher vollkommen entspricht.

Künstlerhaus Dortmund, 9. Mai 2003

 
 
nach oben