Installationen / Kleiner Wagen / Text
 

"...Von 4 Eckpositionen der Oberlichtfenster an den 4 Seiten der Laterne hat die Künstlerin im Vorfeld der Ausstellung 4 Kamerafahrten gemacht, deren Aufnahmen nun in dem Ausstellungsraum auf die Bildschirme übertragen werden, die ihrerseits in den großen Trommeln 4 Eckpunkte eines unbezeichneten Raumes markieren. Aufnahme- und Abspielgeräte stehen so in einem wechselseitig aufeinander verweisenden, wenn auch nicht völlig deckungsgleichen Verhältnis. In jeweils Viertelkreisfahrten setzen sich die vier hintereinander gereihten Bildsequenzen zu einem vorgestellten 360 Grad Panoramablick vom Dach des Kunstvereins zusammen. Doch weder die Perspektive noch die Bildauflösung entsprechen der Erwartung einer touristischen Ortsbeschreibung. Durch das Teleobjektiv betrachtet und aufgezeichnet sieht die Umgebung des Kunstvereins irritierend anders aus, als man sie sich vom Innern des Gebäudes vorstellt. Man sieht Details von Pflanzen und Mauern. Die Schärfepunkte werden jeweils am Anfang und Ende eines Kameraschwenks auf den jeweils am weitesten entfernten Punkt eingestellt, so dass die während der Kamerafahrt erkennbaren Bilder gleichsam falsch fokussiert vorbeiziehen und verschwommen wahrgenommen werden. Die großen Trommeln wiederum nehmen die Addition der Kameraschwenks auf, wie auch die Positionierung der Räder im Raum auf eine Einwärtsbewegung ins Zentrum des Ausstellungsraum schließen lässt.

Katja Butt gelingt es damit, den Betrachter eine Perspektive einnehmen zu lassen, zu der er vermutlich selbst gar nicht oder nur sehr schwer in der Lage wäre. Durch die schlichte Verschiebung des Fokus veranlasst sie das Betrachterauge, sich von denjenigen Details zu lösen, die den Blick vermutlich ganz automatisch anziehen und auf die rein informative Erfassung des Umraumes gelenkt sind. Abgesehen davon, dass man sich höchstwahrscheinlich nicht zum verschwommenen Sehen zwingen kann, wird die videotechnisch vermittelte Bildfolge jenseits aller deskriptiven Ortsbestimmung zu einem eher abstrakt-rhythmischen und - wie ich finde - auch sehr malerischen Seherlebnis, ohne wiederum zu manipulieren oder auf Wiedererkennbarkeit zu verzichten. (Unschärfe bedeutet - anders formuliert - nichts weiter, als dass die Kamera während ihrer Fahrt auf keinen Gegenstand trifft, der in dem eingestellten Fokusbereich liegt.) Wenn man so will, hängt das irritierende und gestalterische Element der Arbeit Katja Butts damit zusammen, dass sie mittels der von ihr verwendeten Technik neue Blickschneisen erschließt oder in den unstrukturierten Raum gleichsam "hineinschneidet".
(In diesem Zusammenhang ist auch ein Blick auf ihre Zeichnungen sehr aufschlussreich, die Titel wie "Pfadfinder" haben und Elemente wie Räder, Plätze oder schiefe Ebenen zeigen. Sie verweisen einerseits auf typische Elemente und Bauweisen ihrer Installationen und spiegeln gleichzeitig die Beschäftigung mit den eben umschriebenen Bewegungsaspekten wider.) Die Bilder auf dem Monitor zeichnen die Bewegung der Kamera in suggerierter Echtzeit nach. Über diese Angleichung der Kamerabewegung mit den Bild- und Blickbewegungen auf dem Monitor hinaus erhält der Bildschirm selbst die Funktion einer Kamera - er wird zu einem Teleskop-Auge, durch das der Betrachter etwas außerhalb seiner Wahrnehmungsmöglichkeit liegendes entdeckt. Etwas Verborgenes dieses Ortes wird sichtbar.

Im Inneren des Raumes stehen, dessen äußere Umgebung virtuell zu erkunden, als gäbe es die begrenzenden Wände des Gebäudes nicht. - Die Verschränkung von Innen und Außen, gedanklich oder bildlich, ist ein komplexes Phänomen - diskutiert auch als Gegenstand naturwissenschaftlicher Forschungen. Legte doch der Physiker Lee Smolin von der Pennsylvania Universiät in seinem jüngsten Buch "The Life of the Cosmos" zum Erstaunen seiner Kollegen überzeugend dar, dass sich unser Universum, das aus unserer Sicht äußere Weltall, in Wirklichkeit im Innern eines "schwarzen Lochs" befinde, das Raum, Licht und Materie absorbiert. Es mag abwegig erscheinen, diese Parallele zu Physik heute zu ziehen, doch zeigt sie, dass die Problematik der Einheit und Gleichzeitigkeit von Innen und Außen an die Grenzen unseres Verstehens stößt und zudem brisant ist, weil sie überschritten werden will. Sind Marikke Heinz-Hoek Arbeiten Darstellungen menschlicher Sehnsüchte, z.B. nach Überwindung der Distanz zu Künstlern und Medienstars, so könne Katja Butts Arbeiten als Darstellungen menschlichen Bewusstseins betrachtet werden, das im Inneren des Menschen angesie-delt ist, sich mit dem Äußeren in Relation setzt und uns ermöglicht, die Einheit und Gleichzeitigkeit von Innen und Außen zu verstehen."

Dr. Justus Jonas
(aus der Einführungsrede zur Eröffnung der Ausstellung
VIDEOINSTALLATIONEN - Katja Butt und Marikke Heinz-Hoek, Kunstverein Oldenburg, 1997)

 
 
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